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GEFÄHRDUNGSBEURTEILUNG
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Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen - Auswertung von Betriebsvereinbarungen 26.10.2016

Deckblatt zu Gefährdungsbeurteilung psychosozialer Belastungen im europäischen VergleichDie vorliegende Auswertung von 27 Betriebsvereinbarungen zeigt unterschiedliche Methoden und Vorgehensweisen zur Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen auf.

Zudem werden praktische Hinweise und Hilfestellungen für die Einflussnahme der Interessenvertretung und zur Gestaltung einer eigenen Vereinbarung gegeben.

[Quelle/Urheber: Hans-Böckler-Stiftung", September 2016]

Hintergrund

Im Arbeitsschutzgesetz ist seit Ende 2013 die Berücksichtigung von psychischen Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung ausdrücklich erwähnt. Für Interessenvertretungen ist dieses Handlungsfeld im Arbeits- und Gesundheitsschutz von großer Bedeutung. Die aktuelle Betriebsrätebefragung der Hans-Böckler-Stiftung für das Jahr ergab, dass sich in 82 Prozent der über 2000 befragten Betriebe die Interessenvertreter und -vertreterinnen insbesondere mit Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes befasst haben. Themen wie Überstunden, Leistungsdruck oder eine zu geringe Personaldecke dominieren die Betriebsratsarbeit. Genau diese Themen werden als wesentliche Ursache psychischer Arbeitsbelastungen diskutiert und können unter anderem über den Arbeitsschutz eingedämmt werden.

Ca. 60 Prozent der Betriebsräte geben an, dass die Arbeit der Beschäftigten stark geprägt ist von Termin- und Zeitdruck sowie hoher Arbeitsintensität. Die Mehrheit dieser Betriebsräte ist aus diesem Grunde in Verhandlungen mit dem Arbeitgeber, um für weniger belastende Arbeitsbedingungen einzutreten. Trotz der belastenden Arbeitsbedingungen ist der Umsetzungsstand von Maßnahmen zum Gesundheitsschutz nach wie vor lückenhaft. 70 Prozent führen Gefährdungsbeurteilungen nach dem Arbeitsschutzgesetz durch, davon berücksichtigen allerdings nur 31 Prozent auch psychische Belastungen – so wie es das Gesetz eigentlich vorsieht.

Inhalt

In dieser Auswertung wurden 27 Vereinbarungen zum Thema Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen aus dem Gesamtbestand der Hans-Böckler-Stiftung ausgewertet.

Verteilung der Vereinbarungen nach Art der Vereinbarungen:

  • 8 Betriebsvereinbarungen
  • 3 Dienstvereinbarungen
  • 3 Rahmenbetriebsvereinbarungen
  • 1 Rahmendienstvereinbarung
  • 4 Gesamtbetriebsvereinbarungen
  • 1 Konzernbetriebsvereinbarung
  • 1 Europäische Rahmenbetriebsvereinbarung
  • 1 Betriebsvereinbarungsentwurf
  • 1 Dienstvereinbarungsentwurf
  • 1 Musterbetriebsvereinbarung
  • 1 Einigungsstellenspruch
  • 1 Richtlinie
  • 1 Gemeinsame Erklärung

Verteilung der Vereinbarungen nach Branchen:

  • 11 x Industrie und verarbeitendes Gewerbe
  • 2 x Maschinenbau
  • 2x  Fahrzeughersteller Kraftwagen
  • 2 x Fahrzeughersteller von Kraftwagenteilen
  • 3 x Mess-, Steuer- und Regelungstechnik
  • 1 x Nachrichtentechnik/Unterhaltungs-, Automobilelektronik
  • 1 x Versicherungsgewerbe
  • 10 x Privatwirtschaftliche Dienstleistungen
  • 2 x Datenverarbeitung u. Softwareentwicklung
  • 1 x Wasserversorger
  • 1 x Großhandel (ohne Kfz.)
  • 3 x Kreditgewerbe
  • 2 x Telekommunikationsdienstleister
  • 1 x Unternehmensbezogenen Dienstleistungen
  • 5 x Öffentlicher Bereich und Verbände
  • 3 x Gesundheit und Soziales
  • 2 x Öffentliche Verwaltung
  • 1 x Anonym

Zusammenfassende Bewertung und offene Probleme

Die Analyse der vorliegenden Vereinbarungen kommt zu dem Ergebnis, dass die Vorgehensweise bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen weitaus weniger geregelt ist als bei anderen Gefährdungen am Arbeitsplatz. Da keine einheitlichen Messgeräte existieren, muss jeder Betrieb seinen eigenen Verfahrensweg finden. Der größere Handlungsspielraum führt mitunter zu Unsicherheiten bei den handelnden Akteuren. Hinsichtlich der Verfahren zur Erfassung psychischer Belastungen kann zwischen drei Analysetiefen unterschieden werden:

  • orientierende Verfahren
  • Screening-Verfahren
  • Expertenverfahren.

Orientierende Verfahren schaffen einen ersten Überblick über das Ausmaß der Belastungen. Sie werden meist in Verbindung mit Check- und Prüflisten angewandt und eignen sich für max. 10 bis 20 Merkmale psychischer Belastungen. Häufig sind die orientierenden Verfahren mit dichotomen Antwortmöglichkeiten versehen ("ja" oder "nein", "trifft zu" oder "trifft nicht zu").

Screening-Verfahren sind umfangreicher und beinhalten viele Merkmale psychischer Belastungen. Die Antwortmöglichkeiten sind ebenfalls erweitert ("trifft völlig zu", "trifft eher zu", "trifft eher nicht zu", "trifft überhaupt nicht zu") und ermöglichen somit auch differenzierte Ergebnisse. Methodisch werden Screening-Verfahren oft mit Hilfe von Beschäftigtenbefragungen umgesetzt und eignen sich daher für geschulte Nutzer.

Expertenverfahren sind sehr detailliert. Sie enthalten meist gezielte Fragestellungen und Antwortmöglichkeiten. Zur Beantwortung der Fragen ist in der Regel eine fachliche Expertise erforderlich. Für die methodische Umsetzung von Expertenverfahren eignen sich am besten Einzel- oder Gruppeninterviews mit einer kleinen Anzahl an Beschäftigten.

Grundsätzlich empfiehlt es sich, zunächst orientierend einzusteigen. Sobald aber Hinweise auf psychische Belastungen erkennbar sind, sollten sich tiefergehende Analyseverfahren anschließen.

Die Klärung der im Betrieb krank machenden Faktoren ist nur der erste Schritt. Im nächsten müssen die Belastungen am Arbeitsplatz abgestellt werden. Leider finden sich in den vorliegenden Vereinbarungen nur sehr wenige Vorschläge für Maßnahmen zur Stressreduzierung und Vermeidung von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz.

Um psychische Belastungen am Arbeitsplatz zu reduzieren, lassen sich im Wesentlichen zwei Gruppen von Maßnahmen unterscheiden:

  • individuelle und
  • betriebliche Präventionsmaßnahmen.

Maßnahmen der individuellen Prävention beziehen sich auf die fachliche Aus- und Weiterbildung, eine Erweiterung sozialer Kompetenzen oder die Aneignung von Selbstmanagement, Problemlösungs- und Bewältigungsstrategien. So werden im Rahmen der individuellen Prävention beispielsweise Handlungsspielräume erweitert, soziale Unterstützung organisiert und Selbstvertrauen, Konfliktfähigkeit sowie soziale Handlungsfähigkeiten aufgebaut.

Die Maßnahmen der betrieblichen Prävention beziehen das gesamte Arbeitssystem ein. Sie achten dabei auf die Ausführbarkeit der Tätigkeiten und die Arbeitsbedingungen. Ein Ziel der betrieblichen Prävention ist es, die Personalentwicklung (individuelle Prävention) mit der Gesundheitsförderung im Betrieb (betriebliche Prävention) zu verbinden.

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Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen - Auswertung von 27 Vereinbarungen
Reihe: Study der Hans-Böckler-Stiftung, Reihe Praxiswissen Betriebsvereinbarungen, Bd. 337. Düsseldorf: 2016, ISBN: 978-3-86593-245-7. 84 Seiten
(kostenloser Download auf der Website der Hans Böckler Stiftung )