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GEFÄHRDUNGSBEURTEILUNG
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Ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung 12.09.2010

Unternehmen: SICK AG
Thema: Psychosoziale Gefährdungen

Unternehmen

SICK AG
Erwin-Sick-Straße 1
D-79183 Waldkirch

Aufgabe

Der dargestellte Bereich beschäftigt sich mit der Entwicklung der breiten Produktpalette von schaltenden Einzelsensoren bis zu messenden Abstands- und Bildverarbeitungssystemen der Fabrikautomation. Die Tätigkeit ist durch viel Projektarbeit charakterisiert und wird von den Mitarbeitenden als eine hohe fachliche Herausforderung erlebt.

Problem

Die SICK AG führt seit 2005 "Ganzheitliche Gefährdungsbeurteilungen" (GGB) in Pilotbereichen durch, die sich schwerpunktmäßig mit den psychosozialen Belastungen, die aus den Arbeitsbedingungen resultieren, befasst. Somit stellt die GGB eine wichtige Ergänzung zu der normalen Gefährdungebeurteilung dar, die ihren Fokus auf Aspekte des Arbeitsschutzes und der Ergonomie legt. Beide Verfahren gehen Hand in Hand und bereichern sich gegenseitig.

Die GGB beginnt mit einer Analyse der Arbeitsbedingungen sowie der psychosozialen Ressourcen und Belastungen. Hierzu wird ein Methodenmix aus einem Fragebogen, Tätigkeitsanalysen (Beobachtungsinterviews) und einem Tagebuch eingesetzt. Die resultierenden Belastungen und Gefährdungen werden dann im zweiten Schritt in die Bearbeitung gebracht.

An dieser Stelle sollen die Ergebnisse (Gefährdungen) des oben genannten Entwicklungsbereiches exemplarisch dargestellt werden.

Als hauptsächliche Gefährdungen konnten in dem vorliegenden Entwicklungsbereich die Themen

  • Platzmangel
  • Lärm durch Gespräche und Besprechungen im Büro
  • Überlastung und Zeitdruck durch die Arbeitsmenge und
  • das ständige Hin- und Herspringen zwischen Aufgaben (Parallelmanagement) in Verbindung mit einer Vielzahl an Schnittstellen

identifiziert werden. Insbesondere zwischen den letzten beiden aufgeführten Punkten sahen die Mitarbeiter einen starken Zusammenhang, so dass diese beiden Gefährdungen zu einem Gefährdungskomplex zusammengefasst wurden.

Die aufgeführten Probleme führten sowohl zu Behinderungen bei der operativen Arbeitsausführung, als auch zu erhöhter Unzufriedenheit und Frust bei den Mitarbeitern. Als Symptome der Belastung nannten die Mitarbeiter außerdem eine erhöhte Fehlerquote und zu wenig vorhandene Zeitpuffer.

Zur näheren Anschauung soll nun der Gefährdungskomplex Arbeitsmenge/Zeitdruck/Parallelmanagement herausgegriffen und näher betrachtet werden:

Die zu hohe Arbeitsbelastung konnte zum Teil auf vorhandenen Personalmangel zurückgeführt werden. Dadurch mussten die Mitarbeiter eine größere Arbeitslast stemmen und häufig Aufgaben übernehmen, für die sie eigentlich überqualifiziert waren. Weiterhin konnten oft keine Zeitpuffer in der Projektplanung berücksichtigt werden, was zu hohem Zeitdruck in der Ausführung führte.

Durch die Vielzahl an Aufgaben und das ständige Hin- und Herspringen zwischen Tätigkeiten kamen oftmals Projekte zur Grundlagenforschung zu Gunsten der mehr operativen Entwicklungsprojekte zu kurz, was sowohl von Mitarbeiter- als auch Führungsseite als kritisch bewertet wurde.

Insgesamt waren sich die Mitarbeiter einig, dass die hohen alltäglichen Anforderungen auf Dauer eine Überforderung darstellten. Dies hatte bereits in der Vergangenheit zu vermehrter Fluktuation geführt, wodurch die Arbeitsbelastung sich noch verschärfte. Sowohl Mitarbeiter als auch Führungskräfte der Abteilung waren hochmotiviert, die bestehenden Gefährdungen abzubauen.

Lösung

In Workshops werden die identifizierten Gefährdungen ausführlicher betrachtet und erste Maßnahmen zur Gefährdungsreduktion abgeleitet. Folgende Maßnahmen wurden ergriffen:

Platzmangel

Durch einen Anbau an das bisherige Betriebsgebäude, wurde die Arbeitsfläche der hier dargestellten Abteilung vergrößert. Die Mitarbeiter wurden sowohl in die Raumplanung involviert, als auch in die Umgestaltung der bestehenden Flächen und gestallten selbst ihren Arbeitsplatz.

Zusätzliche wurden platzsparende Maßnahmen erarbeitet: zum Beispiel die Archivierung von Akten; Entrümpelung; Verzicht auf Winkelkombinationen oder die Auslagerung von Werkbänke in Labors. Kurzfristig wurden als Übergangslösung für den Platzmagel für die Projektarbeit Whiteboards installiert; längerfristig wurden Projektbesprechungsräume bereitgestellt.

Lärm durch Gespräche und Besprechungen im Büro:

Im Rahmen der Umbaumaßnahmen entschieden die Mitarbeiter, dass in das bisherige Großraumbüro Zwischenwände eingezogen werden sollten. Weiterhin wurde eine störungsfreie Arbeitszeit zwischen 8:00-10:00 Uhr eingeführt, in der die Kollegen den Kontakt untereinander auf ein Minimum beschränkten, wenn möglich sogar gänzlich ungestört arbeiteten.

Arbeitsmenge / Zeitdruck / Parallelmanagement

Um dem Gefährdungskomplex Arbeitsmenge/ Zeitdruck / Parallelmanagement beizukommen, wurde eine Umstrukturierung der bisherigen Projektorganisation vorgenommen. Produktentwicklungsprojekte und Grundlagenforschungsprojekte wurden entkoppelt, da in bisherigen Projekten, die beides beinhalteten, die Grundlagenforschung stets zu kurz kam. Diese Trennung muss sich allerdings erst langsam etablieren.

Zur Entzerrung der aktuellen Projektlast wurden einige Projekte zurückgestellt und verschoben.

Weiterhin wurden ein Aufstockungsprogramm der Ressourcen ins Leben gerufen, in dessen Rahmen unter anderem Stabsfunktionen (Änderungswesen, Technische Zeichner zur Dokumentation, Messtechniker) zur Entlastung der Projektmitarbeiter geschaffen wurden.

Als Folge verblieb mehr Zeit für die Grundlagenforschung, für Fortbildungen und für den fachlichen Austausch in Fachkreisen.

Somit konnte insgesamt eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wieder hergestellt werden.

Wirksamkeit der Ergebnisse

Etwa ein halbes Jahr nach der Maßnahmenableitung wurde ein Evaluations-Fragebogen an die Mitarbeiter ausgegeben, um die Wirksamkeit der Ganzheitlichen Gefährdungsbeurteilung zu kontrollieren. Der Fragebogen bestand aus zwei Teilen. Zum einen aus allgemeinen Einschätzungen zum Beispiel zur Arbeitsplatzsituation, zum anderen aus einer Einschätzung dazu, inwiefern konkrete Gefährdungen reduziert wurden.

Ergebnisse des ersten Teils:

  • je 50% der Befragten gaben an, dass sich seit der Ganzheitlichen Gefährdungsbeurteilung ihre Arbeitsplatzsituation und ihr subjektives Wohlbefinden verbessert haben.
  • 78% gaben an, dass sich die Zusammenarbeit in der Abteilung seither verbessert hat.
  • 72% waren der Meinung, dass sich die Ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung gelohnt hat.
  • 33% gaben an dass die eigene Arbeitsqualität und die Arbeitsergebnisse sich seither verbessert haben und
  • 33% fanden, dass sie durch die Ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung mehr über mögliche Belastungen am Arbeitsplatz und möglichen Gegenmaßnahmen gelernt haben.

Ergebnisse des zweiten Teils:

In Bezug auf die oben erwähnten Gefährdungen zeigten sich folgende Ergebnisse:

  • Platzmangel: 60% der Mitarbeiter waren der Meinung, dass die Raumsituation sich verbessert hat, nur 11% gaben eine Verschlechterung an.
  • Lärm: 50% gaben an, dass die Lärmbelastung deutlich reduziert werden konnte, nur 11% gaben eine Verschlechterung der Situation an.
  • Arbeitsmenge / Zeitdruck: 28% fanden, dass die Situation sich seit der Ganzheitlichen Gefährdungsbeurteilung verbessert habe, 17% gaben eine Verschlechterung an.
  • Parallelmanagement: 24% waren der Meinung, dass das Parallelmanagement im Zuge der Ganzheitlichen Gefährdungsbeurteilung reduziert werden konnte, ebenfalls 24% empfanden eine Verschlechterung und über 50% beschrieben die Situation als unverändert.

Die Ergebnisse zeigen, dass es nach wie vor leichter ist, „handfesten“ Gefährdungen wie Platzmangel oder Lärm beizukommen, als psychosoziale Gefährdungen und Stress zu reduzieren.

Kosten/Nutzen

Ein Wirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Vergleich ist nicht verfügbar.

Unter sozialen und menschlichen Gesichtspunkten hat die GGB einen hohen Nutzen für das gesamte Unternehmen, da psychosozialen Belastungen eine zunehmend größere Bedeutung zukommt. Ziel der GGB ist die Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der SICK AG, sowie die Reduzierung arbeitsbedingter Krankheiten und Unfälle.

Dabei geht es nicht um eine reine Erfüllung der gesetzlichen Forderungen, sondern die GGB wird als Teil einer umfassenden betrieblichen Gesundheitsförderung gesehen, bei der die Gesundheit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Mittelpunkt steht.

Schlechte Arbeitsbedingungen haben nicht nur Auswirkungen auf die Gesundheit des einzelnen Mitarbeiters, sondern wirken sich darüber hinaus auch auf organisationaler Ebene nachteilig aus. Wenn also bei der Ganzheitlichen Gefährdungsbeurteilung psychische Fehlbelastungen reduziert und Ressourcen bei der Arbeit erhalten und ausgebaut werden sollen, werden damit neben einer langfristigen Verbesserung und Erhaltung der Gesundheit des Einzelnen auch organisationale Ziele angestrebt: Senkung von Krankenstand und Fluktuation, motivierte Mitarbeiter und eine Steigerung der Produktivität.

Weitere Informationen

Grafik - Ablauf Gefährdungsbeurteilung

Artikelaktionen
Ansprechpartner

im Unternehmen:

Dr. med. Friederike Pleuger – Leiterin Gesundheitsmanagement, Betriebsärztlicher Dienst
Tel.: +49 241 5298 0
Fax: +49 7681 202 3132
E-Mail: Friederike.pleuger@sick.de