EADS Health Check - Programm zur Prävention von psychischen Belastungen 17.09.2010
Unternehmen: EADS Deutschland GmbH
Thema: Prävention von psychischen Belastungen und Förderung einer guten Führungskultur
Unternehmen
EADS Deutschland GmbH
Landshuterstr. 26
85716 Unterschleissheim
Aufgabe
Die EADS Deutschland GmbH ist ein Unternehmen der Luft- und Raumfahrttechnik mit ca. 12.ooo Mitarbeitern, das schwerpunktmässig Ingenieure und andere Akademiker beschäftigt. Durch die Internationalisierung der Märkte, zunehmende Projektarbeit und Verdichtung der Arbeitsabläufe sind die Arbeitsanforderungen im letzten Jahrzehnt erheblich angestiegen. Dies stellt sowohl die Belegschaft als auch die Unternehmensführung vor große Herausforderungen.
Problem
Die EADS Deutschland GmbH baut seit Jahren kontinuierlich ihre Abteilungen für Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz auf, um den steigenden Anforderungen einer modernen Arbeitswelt gerecht zu werden. Im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagement und im Hinblick auf die alternde Belegschaft sollten sowohl die psychischen Belastungen und Beanspruchungen als auch Zivilisationskrankheiten rechtzeitig identifiziert werden.
Seit Jahren sind vor allem psychische Diagnosen und Frühberentungen aufgrund psychischer Erkrankung bundesweit stetig ansteigend. Dies kann bei anhaltendem Trend zu einem erheblichen Produktivitätsverlust führen.
Lösung
Das Unternehmen hat über eine jahrelange Kooperation mit der ETH Zürich und der Universität Heidelberg den EADS Health Check entwickelt. Diese Gesundheitsuntersuchung besteht aus einem Fragebogen zu psychosozialen Umgebungsfaktoren und einer medizinischen Untersuchung. Der Fragebogen beinhaltet wissenschaftlich validierte Skalen zum aktuellen Gesundheitszustand, Beschwerden, Gesundheits-verhalten, Ernährung, Erschöpfung, Schlaf, Schlafproblemen, Stress, Arbeitszufriedenheit, Work-life-balance, Arbeitsbedingungen, Handlungsspielraum, Vertrauen und Kollegialität, Führungsstil und Partizipation, Unternehmenskultur, Gleichgewicht zwischen Einsatz und Belohnung, Sorgen, sozialem Umfeld, Gesundheitserwartungen, gewünschte betriebliche Gesundheitsförderung, Familienanamnese und eigenem Vorsorgeverhalten.
Ergänzt wird diese subjektive Befragung durch eine objektive Gesundheitsuntersuchung. Diese besteht aus den Körpermassen (Größe, Gewicht, Bauchumfang, Hüftumfang), dem Blutdruck, einer Blutuntersuchung (Blutbild, Leberwerte, Nierenfunktion, Blutfette, Entzündungsaktivität, Blutzucker, Schilddrüsenwerte), Urinuntersuchung (Einweiß), immunologischer Stuhltest zur Darmkrebsfrüherkennung, Herzfrequenzvariabilität über 24 Stunden, Augenuntersuchung (Augenhintergrund, Augeninnendruck, Refraktion).
Aus allen Messwerten werden Kennzahlen gebildet, die sowohl die "weichen" Faktoren greifbarer als auch vergleichbarer machen. So entstanden Kennzahlen zu Anforderungen, persönlichen Ressourcen, dem Gesundheitsverhalten, der subjektiven Gesundheit, Stress bzw. Stressbewältigung und den Ressourcen bei der Arbeit. Aus der medizinischen Untersuchung wird die Kennzahl der objektiven Gesundheit gebildet.
Der EADS Health Check wird standortbezogen als Massenveranstaltung durchgeführt. Die Kapazität beträgt 120 Teilnehmer pro Tag. An dem Check sind alle Mitarbeiter, Leihkräfte, Praktikanten, Diplomanden und Auszubildenden zur Teilnahme berechtigt. Die Teilnahme ist rein freiwillig, anonymisiert und während der Arbeitszeit. Jeder Teilnehmer erhält einen persönlichen Befundbericht nach ca. 4 Wochen. Durch eine Datenschutz- sowie Betriebsvereinbarung sind personenbezogene Daten streng geschützt. Ein kompliziertes Verschlüsselungsverfahren macht es weder dem Betriebsarzt noch dem Unternehmen möglich, einzelne Befunde zu verfolgen. Die Mitarbeiter haben die Möglichkeit, sich anhand ihres Befundberichts beim Betriebsarzt beraten zu lassen.
Es wird eine erhebliche Anzahl an gesundheitlichen Problemen (Bluthochdruck, Cholesterinerhöhung, Augenerkrankungen, V.a. Vorstufen von Darmkrebs, psychische Belastungen etc.) erkannt. Den Betroffenen wird daraufhin weitere haus- oder fachärztliche Abklärung empfohlen.
Für den Standort sowie für Abteilungen mit mehr als 10 Teilnehmern werden Auswertungen erstellt. Diese Auswertungen sind für die standortbezogenen Gesundheits-Arbeitskreise Grundlage zur Ableitung von Massnahmen. Aufgrund festgestellter Auffälligkeiten wurden z.B. verschieden Massnahmen ergriffen:
- Erhöhung der betriebsärztlichen Einsatzzeit
- Kooperation mit Krankenkassen zur Moderation von Gesundheitszirkeln/Fokusgruppen zur Aufarbeitung von abteilungsspezifischen Problemen
- Einführung einer Sprechstunde "Psychische Gesundheit" mit externen Spezialisten
- Aufgreifen von speziellen Themen bei den jährlichen Gesundheitstagen (Vitamin D, Raucherentwöhnung, Stressbewältigung, Herzfrequenzvariabilität, Darmkrebs etc.)
- Programm zur Lebensstiländerung (Bewegung & Ernährung)
- Führungskräfte-Programme zum Thema "Gesundes Führen"
- Stressbewältigungskurse
Durch gezielte Unterstützung der Führungskräfte, Intervention in auffälligen Bereichen und Angebote an die Belegschaft kann hier sowohl die persönliche Gesundheit direkt als auch über das Führungsverhalten indirekt positiv beeinflusst werden.
Wirksamkeit der Ergebnisse
Eine Teilnahme-Quote von 53-58 % der gesamten Belegschaft spricht für die große Akzeptanz dieser Massnahme. Der EADS Health Check ist ein Analyse-Instrument des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Er wurde bisher an den Standorten Friedrichshafen (1600 Mitarbeiter), Unterschleissheim (1000 Mitarbeiter) und Ulm (3000 Mitarbeiter) erfolgreich durchgeführt. Im Jahr 2011 werden die Standorte Ottobrunn (1500 Mitarbeiter) und Manching (5500 Mitarbeiter) folgen. Der größte Gewinn des Checks und seiner Ergebnisse ist die Änderung der Unternehmenskultur. Gesundheit wird im Unternehmen thematisert und findet Einzug in die regelmäßigen Diskussionen. Der Health Check war der Startschuss für ein strategisches Gesundheitsmanagement, das sich an Kennzahlen orientiert und ganzheitlich orientiert ist. Es werden dabei sowohl Zivilisationskrankheiten früh entdeckt als auch psychosoziale Belaltungsfaktoren analysiert und an der Verbesserung der Unternehmens- und Führungskultur gearbeitet. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Nachhaltigkeit. Der EADS Health Check ist alle 3 Jahre geplant, sodass genügend Zeit für die Umsetzung von Maßnahmen bleibt.
Kosten/Nutzen
Der größte Kostenfaktor ist die eingebrachte Arbeitszeit der Belegschaft. Für den Health Check benötigt der Teilnehmer 60 min (30 min für den Fragebogen, 30 min für die medizinische Untersuchung). Die aus den Ergebnissen abgeleiteten Massnahmen werden teilweise in der Arbeitszeit (Gesundheitszirkel, Sprechstunden, BGF Massnahmen, Führungskräfte Programme), teilweise ausserhalb der Arbeitszeit (BGF Programme, Abklärung medizinischer Befunde) durchgeführt.
Eine Kosten/Nutzen-Analyse wurde bisher noch nicht durchgeführt, da bisher erst an jedem Standort ein EADS Health Check durchgeführt wurde. Wir können also bisher zu den Veränderungen keine Messergebnisse präsentieren. Schwierige Arbeitsbedingungen und schlechte Ressourcen bei der Arbeit sind jedoch nicht nur ein Risiko für die Gesundheit des Einzelnen, sondern haben ebenfalls Einfluss auf die Produktivität eines Unternehmens. Die Vermeidung von Ausfallzeiten durch Früherkennung von manifesten Erkrankungen ergibt sich eine Wirtschaftlichkeitsanalyse. Hier schätzt das Mannheimer Institut für Public Health einen betriebswirtschaftlichen ROI von 1:3. Der volkswirtschaftliche Nutzen wird dagegen mit einem ROI von 1:20 beziffert.
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