Arbeiten mit erhöhten Kraftanstrengungen und/oder Krafteinwirkungen
Einführung
Arbeiten mit erhöhten Kraftanstrengungen und/oder Krafteinwirkungen ähneln der manuellen Lastenhandhabung. Es erfolgen aber keine Transportaufgaben, sondern es werden unterschiedliche meist grobmotorische Aktionskräfte zur Maschinenbedienung, Werkzeughandhabung oder Positionierung aufgebracht. Überwiegend erfolgt die Krafteinleitung über die Hände. Dazu zählen aber auch Pedalbedienung sowie Krafteinleitung über Rücken und Beine, mit und ohne Abstützung. Es kommen alle Kraftrichtungen vor.
Grundsätzlich ist zu bedenken, dass hohe Körperkräfte nur kurzzeitig und selten aufgebracht werden können. Bei andauernden Kraftaufwendungen gilt die Regel, dass 10 bis 15 % der möglichen Maximalkraft nicht überschritten werden sollte. Erhöhte Kraftanstrengungen betreffen den Bereich ab 15 % bis hin zur Maximal-kraft.
Art der Gefährdung und deren Wirkungen
Muskel-Skelett-Beschwerden
Hohe Intensität und Dauer/Häufigkeit von Aktions- und Haltungskräften sowie ungünstigen Körperhaltungen sind eine Gefahr für das Muskel-Skelett-System.
Bei mittleren Aktionskräften, die häufiger ausgeübt werden, können chronische Schäden durch fortgesetzte mechanische Fehlbelastungen mit stetig zunehmen-den Dauerbeschwerden auftreten (degenerative Gelenkserkrankungen, Sehnenscheidenentzündung, Schädigungen der peripheren Nerven, Muskelverspannung).
Bei hohen Aktionskräften, auch wenn sie selten ausgeübt werden, können akute schmerzhafte Schädigungen durch kurzzeitige mechanische Fehlbelastung mit deutlicher Funktionseinschränkung auftreten (zum Beispiel Muskelzerrung nach Abrutschen, Knochenbruch durch Sturz, Blockierung eines Wirbelgelenkes bei Kraftaufwendung). Die Aufwendung von Maximalkräften ist immer als gefährlich einzustufen.
Vorkommen
Arbeiten mit erhöhten Kraftanstrengungen und/oder Krafteinwirkungen kommen in vielfältiger Form vor. Ein grobes Ordnungskriterium ist die Dauer/Häufigkeit des Aufbringens von Kräften.
Mittlere Aktionskräfte, häufiger ausgeübt
- Umgang mit handgehaltenen Werkzeugen (Schrauben, Schleifen, Bohren)
- Materialaufzug mit Handflaschenzug
- Container-Laschen
- Kuppeln von Eisenbahnwagen
Hohe Aktionskräfte, selten ausgeübt
- Demontage von festsitzenden Verschraubungen
- Montage von Großmaschinen
- Positionierung von Kranlasten
- Bergungen im Rettungsdienst
- Kabelziehen
- Bedienen von Großschiebern im Wasserbau
- Einsatz von Winden
- Montage von Starkstromleitungen
Grenzwerte, Beurteilungskriterien
Beurteilung der Gefährdung
Nach § 5 ArbSchG ist der Arbeitgeber verpflichtet, die Arbeitsbedingungen hinsichtlich ihrer möglichen gesundheitsschädigenden Wirkungen zu beurteilen. Eine einheitliche Beurteilungsmethode gibt es allerdings nicht. Aus diesem Grund kann derzeit nur eine grobe Gefährdungsabschätzung unter Berücksichtigung der wichtigsten Merkmale nach Tabelle 9.6-1 vorgenommen werden. Treffen mehrere Merkmale der Spalten 3 und 4 zu, besteht die Gefahr einer physischen Überforderung.
| Merkmal | Ausprägung | |||
|---|---|---|---|---|
| 1 | 2 | 3 | 4 | |
| Zeitdauer/ Häufigkeit | selten | gelegentlich | häufiger | oft |
| Höhe der Aktionskraft | gering | mittel | hoch | Maximalkraft |
| Krafteinleitung | sicher, ergonomischer Griff, trocken | gut greifbare Konturen, formschlüssige Krafteinteilung | unsicher, keine formschlüssige Krafteinleitung | sehr unsicher, Abrutschgefahr, feucht |
| Körperhaltung | frei wählbar | Körperhaltung gut, aber vorgegeben, kein Spielraum | gebeugt, verdreht, unsicher | hocken, knien, liegen |
| Ausführungs- bedingungen | sehr gut, keine Hindernisse | eingeschränkt, leichte Bewegungs- einschränkungen | schlecht, Verschmutzungen, eingeschränkte Sicht | unzureichende Beleuchtung, keine Standsicherheit, Außenbedingungen |
Grenzwerte
Es gibt keine rechtsverbindlichen Grenzwerte für empfohlene Aktionskräfte. Da die Beanspruchung des Muskel-Skelett-Systems von Zeitdauer/Häufigkeit, Körperhaltungen, Aktionskraft und Ausführungsbedingungen abhängt, sind diese Faktoren in ihrer Kombination zu beachten.
Eine Zusammenstellung von maximalen isometrischen Körperkräften enthält die DIN 33 411-5 Körperkräfte des Menschen.
Arbeitsschutzmaßnahmen
Berücksichtigung der Körpermaße und -kräfte
Arbeiten mit erhöhten Kraftanstrengungen und/oder Krafteinwirkungen sind häufig nicht an feste Arbeitsplätze gebunden, wie sie in Handwerk oder Industrie üblich sind. Typisch sind Baubedingungen. Deshalb können die strengen Regeln des Arbeitsstättenrechtes und der Ergonomie hier nur bedingt angewendet werden. Grundsätzlich müssen aber die Körpermaße und -kräfte der Beschäftigten beachtet werden.
Die prinzipiellen Möglichkeiten sind:
- montage- und wartungsfreundliche Konstruktion und Technologie
- ergonomisch günstige Griffgestaltung
- Anschlagpunkte für Krafteinleitung
- Berücksichtigung von Montage- und Wartungsflächen
- Vermeidung von Aktionskräften, die die Belastbarkeit überfordern
- Nutzung von Spezialwerkzeugen
- Gewichtsreduzierung von Werkzeugen
- sichere Arbeitsbedingungen
- ausreichender Bewegungsraum
- ebener, rutschfester und stabiler Boden
- geeignete Arbeitsschuhe
- gute Sichtverhältniss
- extreme Temperaturen und Feuchtigkeit vermeiden
- Einhausungen
- spezielle Körperschutzmittel
- angemessenes Arbeitspensum
- Verringerung des Arbeitstempos
- Wechsel zwischen be- und entlastenden Tätigkeiten
- ausreichende Erholzeiten
Personenbezogene Maßnahmen
Folgende personenbezogene Maßnahmen sind zu empfehlen:
- Unterweisung der Beschäftigten mit Erläuterungen, die eigens auf die besonderen Gefährdungen durch hohe Kraftanstrengungen und/oder Krafteinwirkungen am Arbeitsplatz oder den Aufgabenbereich der Beschäftigten ausgerichtet sind:
- bei der Einstellung der Beschäftigten
- vor Aufnahme der Tätigkeit der Beschäftigten,
- bei Veränderungen im Aufgabenbereich,
- der Einführung neuer Arbeitsmittel oder einer neuen Technologie
- wenn besonders schutzbedürftige Beschäftigtengruppen derartige Tätigkeiten ausführen müssen (Berufseinsteiger, Jugendliche und junge Erwachsene, ältere Beschäftigte, Beschäftigte mit besonderer Konstitution oder Disposition)
- tätigkeitsbezogenes Training der Beschäftigten
- Strategien zur Verringerung der körperlichen Belastungen bei hohen Kraftanstrengungen,
- korrekte und sichere Nutzung von Werkzeugen und Hilfsmitteln sowie persönlicher Schutzausrüstung,
- vernünftige Arbeitseinteilung usw.
- individuelle Beratung der Beschäftigten im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge (G 46).
Rechtsgrundlage: §11 ArbSchG auf Wunsch des Beschäftigten bei nachgewiesener Gefährdungslage, keine Angebots- oder Pflichtuntersuchungen nach ArbMedVV
Weitere Hinweise zur Gestaltung und Handhabung von Stellteilen enthält das Kapitel Mensch-Maschine/-Rechner-Schnittstelle.
Vorschriften, Regelwerk, Literatur
Gesetze, Verordnungen
- Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG)
- Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV)
- Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG)
- Mutterschutzgesetz (MuSchG)
- Verordnung zum Schutze der Mütter am Arbeitsplatz (MuSchArbV)
Weitere Regeln der Technik
- DIN 33411-1:1982-09 Körperkräfte des Menschen; Begriffe, Zusammenhänge, Bestimmungsgrößen
- DIN 33411-3:1986-12 Körperkräfte des Menschen; Maximal erreichbare statische Aktionsmomente männlicher Arbeitspersonen an Handrädern
- DIN 33411-4:1987-05 Körperkräfte des Menschen; Maximale statische Aktionskräfte (Isodynen)
- DIN 33411-5:1999-11 Körperkräfte des Menschen : Maximale statische Aktionskräfte – Werte
- DIN EN 894-3:2000-06 Sicherheit von Maschinen – Ergonomische Anforderungen an die Gestaltung von Anzeigen und Stellteilen – Teil 3: Stellteile
- DIN EN 1005-3 : 2002-05 Sicherheit von Maschinen – Menschliche körperliche Leistung – Teil 3: Empfohlene Kraftgrenzen bei Maschinenbetätigung.
- BGI 504-46: Handlungsanleitung für die arbeitsmedizinische Vorsorge nach dem Berufsgenossenschaftlichen Grundsatz G 46 "Belastungen des Muskel- und Skelettsystems"
- BGI 7011: Gesunder Rücken – Gesunde Gelenke – noch Fragen?
Literatur
- [1] Rohmert, W.; Berg, K.; Bruder, R.; Schaub, K.:
Kräfteatlas. Teil 1: Datenauswertung statischer Aktionskräfte.
Bremerhaven: Wirtschafts-verl. NW 1994 (Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin: Forschung, Fb 09.004) - [2] Jäger, M.: Körperkräfte. In: Konietzko, J.: Dupius, H. (Hrsg.):
Handbuch der Arbeitsmedizin. Arbeitsphysiologie - Arbeitspathologie - Prävention.
Landsberg: ecomed. Losebl.-Ausg. Grundwerk 1989, V-1.1.2.1, 1-5 - [3] Schmidtke, H.:
Ergonomie.
München: Hanser 1993 - [4] Luczak, H.:
Arbeitswissenschaft.
Berlin: Springer 1993 - [5] Flügel, B.; Greil, H.; Sommer, K.:
Anthropologischer Atlas.
Berlin: Tribüne 1986 - [6] Rüschenschmidt, H.; Reidt, U.; Rentel, A.:
Ergonomie im Arbeitsschutz. Menschengerechte Gestaltung der Arbeit.
Bochum: Technik & Information 2004 - [7] G46 - Belastungen des Muskel-Skelett-Systems einschließlich Vibration.
In: DGUV (Hrsg.): Berufsgenossenschaftliche Grundsätze für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen (Arbeitsmedizinische Vorsorge). – 4. Auflage, Gentner Verlag: Suttgart, 2007, S. 815ff. und 871ff. - [8] BGIA-Report 3/2009 "Der montagespezifische Kraftatlas"
Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)
Internetangebote / Links
Textbausteine für Prüflisten und Formblätter
Prüffragen
- Kommen große Kraftaufwendungen häufig und regelmäßig bei der Arbeit vor?
- Ist die Intensität hoch?
- Wird die Arbeit von den Beschäftigten als beanspruchend empfunden?
Wenn eine oder mehrere Fragen mit "ja" beantwortet werden, sollte eine weiter-gehende Arbeits- und Beanspruchungsanalyse durchgeführt werden. Hilfestellung hierfür leistet der Rückenkompass.




