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GEFÄHRDUNGSBEURTEILUNG
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Gefahrstoffe

Grundlage der Gefährdungsbeurteilung

Mitarbeiterin im ChemielaborDie Forderung des Arbeitsschutzgesetzes eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, ist für Gefahrstoffe in der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) verankert. Beurteilt werden Gefährdungen durch Einatmen, Hautkontakt und durch Brand und Explosionen. Die Gefährdungsbeurteilung ist abgeschlossen, wenn Ersatzlösungen geprüft, die erforderlichen betrieblichen Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten und Dritter sowie das Verfahren zur Wirksamkeitsüberprüfung festgelegt sind. Das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung ist zu dokumentieren. Konkretisiert wird die Vorgehensweise zur Ableitung der Gefährdung und der daraus resultierenden Maßnahmen in der Technischen Regel Gefahrstoffe (TRGS 400).

Ablauf der Gefährdungsbeurteilung

Einen Überblick über die Schritte der Gefährdungsbeurteilung gibt das folgende Ablaufschema.

Im Folgenden finden Sie konkretisierende Hinweise zu den einzelnen Schritten:

Fachkunde

Die Gefährdungsbeurteilung muss von einer fachkundigen Person durchgeführt werden. Diese muss

  • ausreichende Kenntnisse über die gefährlichen Eigenschaften der verwendeten Gefahrstoffe besitzen,
  • mit den Arbeitsabläufen und den auszuübenden Tätigkeiten vertraut sein,
  • die Vorschriften kennen,
  • die Arbeitsbedingungen beurteilen können und
  • die festgelegten Schutzmaßnahmen während einer Tätigkeit bewerten können.

Muss der Arbeitgeber nach der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (§§ 4 und 5 ArbMedVV) Vorsorgeuntersuchungen anbieten oder veranlassen, sind besondere arbeitsmedizinische Kenntnisse erforderlich. Umfang und Tiefe der notwendigen Kenntnisse sind abhängig von der zu beurteilenden Tätigkeit und können daher unterschiedlich sein. Die Kenntnisse sollen durch spezifische Fortbildungen regelmäßig vertieft werden, wie sie etwa von den Unfallversicherungsträgern, der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Verbänden, TÜV-Akademien, Industrieund Handelskammern oder anderen Beratungsunternehmen regelmäßig angeboten werden.

Oftmals ist die Fachkunde von mehreren Personen zur Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung erforderlich. Im Betrieb sind es in der Regel Sicherheitsfachkraft gemeinsam mit dem Betriebsarzt. Der Arbeitgeber kann aber auch einen externen fachkundigen Beratungsdienst beauftragen.

Für die Beurteilung von Gefährdungen ist es notwendig, dass eine fachkundige Person erkennt, ab wann weitere Hilfestellung erforderlich ist. Gerade bei der Planung von geschlossenen Anlagen oder technischen Maßnahmen sowie bei Tätigkeiten mit besonders hohen Risiken kann das der Fall sein. Zur Umsetzung und Planung von raumlufttechnischen Anlagen und Absaugungen ist es empfehlenswert, einen Lüftungstechniker mit einzubeziehen. Geschlossene Anlagen sollten zusammen mit der Expertise eines Anlagenbauers geplant und umgesetzt werden. Beratend tätig sind in vielen Fragen die Unfallversicherungsträger und die staatlichen Aufsichtsbehörden.

Zeitpunkt der Durchführung

Die Gefährdungsbeurteilung wird vor Aufnahme einer Tätigkeit durchgeführt. Sie ist zu aktualisieren wenn

  • neue Gefahrstoffe eingeführt werden,
  • Tätigkeiten, Arbeitsverfahren oder Schutzmaßnahmen geändert werden,
  • Ergebnisse der Wirksamkeitsüberprüfung weitere Maßnahmen fordern,
  • die Gefahrstoffverordnung oder das technische Regelwerk geändert wird,
  • neue Erkenntnisse zu den gefährlichen Stoffeigenschaften oder Erkenntnisse aus der arbeitsmedizinischen Vorsorge vorliegen.

Substitutionsprüfung

Die Gefährdungsbeurteilung beginnt immer mit einer Substitutionsprüfung. Die entsprechende Technische Regel ist die TRGS 600. In dieser Regel ist im Anhang das Spaltenmodell enthalten, welches die Suche nach einem Ersatzstoff erleichtert. Zusätzlich ist im Anhang eine Tabelle mit Abwägungsgründen für den Einsatz von Ersatzlösungen enthalten.

Bei einer Substitutionsprüfung sind alle Stoffeigenschaften zu beachten. Diese Forderung erfüllt das Spaltenmodell. Gesundheitsgefahren, Umweltgefahren, Brand- und Explosionsgefahren, Gefahren durch das Freisetzungsverhalten und Gefahren durch das Arbeitsverfahren selbst können beschrieben und in ihrer Gesamtheit bewertet werden.

Zur Prüfung der technischen Eignung von Ersatzlösungen können Produkt- oder Brancheninformationen hilfreich sein. Die Technischen Regeln der 600er-Reihe beschreiben Ersatzmöglichkeiten nach dem Stand der Technik für verschiedene Tätigkeiten mit Gefahrstoffen.

Darüber hinaus ist es aber nicht sinnvoll, Gefahrstoffe mit bekannten gefährlichen Eigenschaften durch Produkte mit unbekannten Gefahren zu ersetzen. Daher sollte eine Plausibilitätsprüfung des Sicherheitsdatenblattes mit allen zur Auswahl stehenden Gefahrstoffen durchgeführt werden.

Informationsermittlung

Die Grundlagen für die Gefährdungsbeurteilung sind leicht zugänglich. An erster Stelle ist das Sicherheitsdatenblatt zu beachten. Weitere wichtige Informationsquellen sind nach TRGS 400:

Dokumentation

Ziel der Dokumentation ist es, die Vorgehensweise zur Festlegung, Umsetzung und Wirksamkeit von Maßnahmen für Dritte, besonders für die Aufsichtsbehörden, nachvollziehbar zu machen. Die Form der Dokumentation ist dabei freigestellt. Folgende Angaben müssen in der Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung mindestens enthalten sein:

  • Wer hat die Gefährdungsbeurteilung wann durchgeführt?
  • In welchen Arbeitsbereichen und bei welchen Tätigkeiten werden Gefahrstoffe verwendet?
  • Welche Gefährdungen können während der Tätigkeit durch Einatmen, bei Hautkontakt oder durch die physikalisch-chemischen Eigenschaften des Gefahrstoffes auftreten?
  • Wie häufig und wie lange wird die Tätigkeit durchgeführt?
  • Gibt es Einflussfaktoren, die die Aufnahme des Gefahrstoffes in den Körper erhöhen?
  • Welche technischen, organisatorischen und persönlichen Maßnahmen sind zu ergreifen?
  • Sind die getroffenen Maßnahmen wirksam?
  • Wurden Möglichkeiten zur Substitution des Gefahrstoffes geprüft? Mit welchem Ergebnis?

Zusätzlich wird empfohlen, in der Dokumentation zuständige Personen sowie die Umsetzungs- und Prüffristen festzuhalten.

Aufbewahrungspflichten

Bei Tätigkeiten mit krebserzeugenden, erbgutverändernden oder fruchtbarkeitsgefährdenden Gefahrstoffen der Kategorien 1 oder 2 müssen Höhe und Dauer der Belastungen für die Beschäftigten aufgezeichnet werden. Das Verzeichnis ist bis 40 Jahre nach der Exposition aufzubewahren, bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses ist es den Beschäftigten auszuhändigen, wobei eine Kopie dieses Verzeichnisses und die Personalunterlagen weiterhin aufzubewahren sind.

Einfluss der CLPVerordnung

Bis Juni 2015 ist es freigestellt, bei der Gefährdungsbeurteilung die Einstufung und Kennzeichnung nach der Stoffrichtlinie (67/548/EWG) bzw. Zubereitungsrichtlinie (1999/45/EWG) oder nach CLP-Verordnung (Regulation on Classification, Labelling and Packaging of Substances and Mixtures) – Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 zu berücksichtigen. Ein Teil der gesundheitsschädlichen Gefahrstoffe können nach den neuen Kriterien als giftig, reizende Zubereitungen können als ätzend eingestuft werden, ohne dass sich die Stoffeigenschaften ändern. Welche Auswirkungen das auf die Gefährdungsbeurteilung hat, ist noch nicht absehbar. Deshalb ist es empfehlenswert, die neue Einstufung zusätzlich ins Gefahrstoffverzeichnis aufzunehmen und bei einer abweichenden Einstufung dies zu vermerken.

Unterweisungshilfe Memocard

In der Übergangszeit werden zunehmend Produkte mit CLP-Kennzeichnung an die Arbeitsplätze gelangen. Deshalb sind die Beschäftigten entsprechend zu unterweisen. Existieren beide Kennzeichnungssysteme im Betrieb, ist die Betriebsanweisung für die alte und neue Einstufung zu erstellen. Weitere Empfehlungen zur Integration der CLP-Verordnung enthält die Bekanntmachung 408. Weitere Handlungshilfen für die Unterweisung wie z. B. die Memocard kompakt sind unter www. baua.de/ghs zu finden.

GHS-Memocard "Gefahrstoffe kompakt"

Abb. 3.0–1. Die GHS-Memocard "Gefahrstoffe kompakt" der BAuA erläutert kurz und auch für Laien verständlich die neuen GHS-Piktogramme.

Zusätzliche Informationen durch REACH

Die REACH-Verordnung regelt die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Stoffen mit einer Jahresproduktion oberhalb einer Tonne. In drei Registrierungsphasen werden diese bis 2018, in Abhängigkeit von Produktionsvolumen und Gefährdungspotenzial, bei der Europäischen Agentur für chemische Stoffe (ECHA) registriert. Nach dem Prinzip "Keine Daten, kein Markt!" können Stoffe erst nach ihrer Registrierung vermarktet werden. Nicht registrierte Stoffe dürfen nicht vermarktet werden. Schon in der Registrierungsphase sind umfangreiche Daten zu physikalischen und chemischen Eigenschaften, zur toxikologischen Wirkung und zur Umwelttoxizität zu liefern. Diese Daten fließen in die Einstufung des Stoffes und in die Ableitung von Grenzwerten ein und werden Bestandteil des Sicherheitsdatenblattes. Neu im Sicherheitsdatenblatt sind die im Abschnitt 1 enthaltenen Angaben zu möglichst sicheren und nicht ratsamen Verwendungen. Für gefährliche Stoffe ab einer Produktionsmenge von 10 Tonnen pro Jahr wird ein Stoffsicherheitsbericht erstellt. Darin wird die von dem Stoff ausgehende Gefahr für Mensch und Umwelt beurteilt. Gegebenenfalls müssen sichere Expositionsszenarien entwickelt und dem Sicherheitsdatenblatt angefügt werden.

REACH fordert keine Expositionsszenarien für Gemische, die Expositionsszenarien der Einzelstoffe müssen bei der der Ableitung von Schutzmaßnahmen berücksichtigt werden.

Standardisierte Arbeitsverfahren

Für viele Branchen, Produkte und Stoffe gibt es branchen- oder tätigkeitsspezifische Hilfestellungen. Diese werden von Fachgremien erarbeitet und geben konkret auf bestimmte Tätigkeiten, Verfahren und Gefahrstoffe abgestimmt Empfehlungen zu Schutzmaßnahmen. Hierzu zählen neben den Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS), die berufsgenossenschaftlichen Regeln (BGR) und Informationen (BGI) der Unfallversicherungsträger sowie Handlungsanleitungen zur guten Arbeitspraxis (Bundesländer, BAuA). Eine umfangreiche Sammlung von Handlungsanleitungen der Unfallversicherungsträger stellen die Deutsche gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) in ihrem Publikationsportal und das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) in der GESTIS-Stoffdatenbank zur Verfügung. In der TRGS 400 bezeichnet man diese Empfehlungen als standardisierte Arbeitsverfahren.

Expositionsszenario und mitgelieferte Gefährdungsbeurteilung

Liefert der Hersteller oder Inverkehrbringer ein Expositionsszenario in der Anlage eines erweiterten Sicherheitsdatenblattes nach REACH-Verordnung oder eine "mitgelieferte Gefährdungsbeurteilung" nach § 6 Abs. 7 Gefahrstoffverordnung, so können diese als standardisiertes Arbeitsverfahren umgesetzt werden. Voraussetzung ist auch hier, dass die Tätigkeit den Hersteller- oder Inverkehrbringerangaben entspricht.

Qualitätsprüfung

Bevor die Maßnahmen eines standardisierten Arbeitsverfahrens umgesetzt werden können, ist zu prüfen, ob die Schutzmaßnahmen konkret beschrieben und die Qualitätsanforderungen der Anlage 2, Ziffer 1 und 2a bis e der TRGS 400 erfüllt sind. Fehlen Aussagen z. B. zu Gefährdungen durch Brand- und Explosion oder zu Gefährdungen durch Hautkontakt, sind diese zusätzlich zu beurteilen und zu ergänzen.

Wirksamkeitsüberprüfung

Bei branchen- oder tätigkeitsspezifischen Hilfestellungen, Expositionsszenarien nach REACH oder mitgelieferten Gefährdungsbeurteilungen ist die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen grundsätzlich zu prüfen. Sind Aussagen zur Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen enthalten oder sind Abschätzungen der Belastungshöhe in Form von Arbeitsplatzmessungen an vergleichbaren Arbeitsplätzen oder anderen anerkannten nichtmesstechnischen Ermittlungsmethoden vorhanden, so können diese in diese in die Wirksamkeitsüberprüfung einfließen. Eine Überprüfung der Wirksamkeit der abgeleiteten Schutzmaßnahmen kann entfallen, wenn eine stoff- oder tätigkeitsbezogene TRGS oder verfahrens- und stoffspezifische Kriterien (VSK) angewendet werden. Deren Vorgaben berücksichtigen die Anforderungen der GefStoffV in vollem Umfang.

Weitergehende Pflichten

Die Anwendung eines standardisierten Arbeitsverfahrens entbindet nicht

  • vom Führen eines Gefahrstoffverzeichnisses und der Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung,
  • von den Unterweisungspflichten und der arbeitmedizinisch-toxikologischen Beratung,
  • von den erforderlichen Maßnahmen bei Unfällen, Stör- und Notfällen,
  • von der arbeitsmedizinischen Vorsorge und der Festlegung und Durchführung der Wirksamkeitsüberprüfung.

Einfaches Maßnahmenkonzept Gefahrstoffe

Die im Folgenden beschriebenen Rubriken

  • Mangelnde Hygiene beim Umgang mit Gefahrstoffen,
  • Einatmen von Gefahrstoffen und
  • Hautkontakt mit Gefahrstoffen

orientieren sich am Einfachen Maßnahmenkonzept Gefahrstoffe (EMKG), einer Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung. Ein großer Vorteil des EMKG liegt darin, dass es im Anschluss an die Substitutionsprüfung einen systematischen Einstieg in die Gefährdungsbeurteilung für Tätigkeiten mit Gefahrstoffen ermöglicht.

Die Gefährdung wird systematisch in acht Schritten abgeleitet und einer von vier Maßnahmenstufen zugeordnet. Dadurch sind nicht tolerierbare Gefährdungen und Handlungsprioritäten sofort erkennbar. Das ermöglicht ein schnelles, präventives Handeln, unabhängig vom Kenntnis- und Ausbildungsstand der beurteilenden Person. Der daraus resultierende Handlungsbedarf ist in allgemeine Schutzmaßnahmen nach § 8 GefStoffV und darauf aufbauend in zusätzliche Schutzmaßnahmen nach §§ 9 und 10 GefStoffV unterteilt. Hierzu werden leicht zugängliche Informationen aus Sicherheitsdatenblättern und Betriebsbegehungen genutzt.

In der Rubrik "Physikalisch-chemische Gefährdungen" werden Gefährdungen beurteilt, die durch thermische Zersetzung, oxidative Selbstentzündungen, chemische Reaktionen oder durch Störungen im Betriebslauf entstehen können.

Mutterschutz- und Jugendarbeitsschutzgesetz

Bei werdenden Müttern und Jugendlichen unter 18 Jahre ist zusätzlich das Mutterschutzgesetz, die Verordnung zum Schutze der Mütter am Arbeitsplatz und das Jugendarbeitsschutzgesetz bei der Ableitung von Maßnahmen zu berücksichtigen.

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Weitere Informationen

Quelle

"Ratgeber zur Gefährdungsbeurteilung"
Broschüre der BAuA

Autoren

  • Dipl.-Ing. Annette Wilmes
  • Dipl.-Ing. Bettina Lavrenz